Einstehen für die Würde und Freiheit des Menschen.
Frieden, Solidarität, Abstinenz

Auguste Forel Gründer der Schweizer Guttempler IOGT

Die Gründungsgeschichte des Guttempler Ordens in der Schweiz ist untrennbar mit der Persönlichkeit und dem Lebenswerk von August Forel verbunden. Er war der erste Wissenschaftler, der die Heilbarkeit des Alkoholismus erkannte und mit dauernder, völliger Alkoholabstinenz verband.  

"Ich musste nun mutig in den grossen Kampf für die Wahrheit gehen, unbekümmert um die vielen Feindschaften, die ich schon hatte und mir immer mehr zuziehen würde. In dem Kampf, der mir bevorstand, konnte ich keineswegs auf meine ärztlichen Kollegen rechnen, ich musste selbst zum Volk. So ging ich nun an die Gründung des Guttemplerordens in Zürich. Ich konnte einfach nicht länger warten.", schrieb August Forel in seinem "Rückblick auf mein Leben".

"Unsere junge Loge wurde "Helvetia" Nr. 1

getauft und bekam Gratulationen aus allen Erdteilen. Nolens volens musste ich natürlich die geistige Leitung der Loge übernehmen. So musste ich jeden Donnerstag vom Burghölzli an die Kasernenstrasse zur Loge pilgern, ihr neue Mitglieder zuwenden und die ganze komplizierte Organisation weiter ausbauen, damit die Sache auf fester Grundlage stehen könne. Und siehe da! Mit meiner Arbeit für die Loge wuchs auch meine Liebe für sie und ebenso das Interesse und die Zuneigung der andern Mitglieder. Trotz den grossen Mängeln kamen immer neue Mitglieder hinzu.

Alkoholfrage als eine der bedeutendsten unter den sozialen Fragen der Zeit

"Unermessliches soziales und moralisches Elend hat im Alkohol seine Quelle.", schrieb August Forel um 1900 in "Der internationale Guttemplerorden ein sozialer Reformator."

Der Waadtländer August Forel (1848 1931) war 1879, erst 31 jährig, als Professor für Psychiatrie an die Universität Zürich gewählt worden. In seiner Eigenschaft als Direktor der kantonalen Irrenanstalt war ihm die enge Beziehung zwischen Alkoholismus und vielen Geisteskrankheiten aufgefallen, sowie jene zwischen Alkoholkonsum und Geschlechtskrankheiten. Neben der Heilung von Alkoholikern war ihm Mitte der 80er Jahre das Vorbeugen vorrangig geworden. Ein junger Gelehrter von Weltruf, war er stets gleichzeitig Arzt, Naturforscher und Sozialreformer. Seine vielen, zum Teil umfangreichen Arbeiten auf dem Gebiete der Psychiatrie, der Gehirnanatomie, des Hypnotismus, der Sexual und Sozialhygiene, sowie über die Biologie der Ameisen zeugen von scharfem und mutigem Forschergeist und ungewöhnlicher Arbeitskraft. Noch vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges formulierte er als glühender Pazifist Gedanken über die Vereinigten Staaten der Erde!

Im Jahresbericht des Zürcher Hülfsvereins für Geisteskranke über das Jahr 1885 schrieb August Forel, 37 Jahre alt, in seinem ersten Beitrag zur Alkoholfrage: "Ich muss frei gestehen, dass offenbar bis jetzt in dieser Sache weitaus das Meiste von den positiv religiös gefärbten Temperenzgesellschaften geleistet worden ist."

In gebildeten Kreisen war die Totalabstinenz oft mit Gleichgültigkeit, ja mit spöttischem Achselzucken abgetan worden. August Forel setzte sich nach seinem persönlichen Abstinenzversprechen 1886 mit all seiner Energie und seinem feurigen Temperament bis an sein Lebensende dafür ein.

1. Hausvater der Trinkerheilstätte Ellikon an der Thur

1888 erkannte er, dass "der Abstinenzverein und sein fortgesetzter Einfluss durch Freundschaft, Beispiel und Anregung, auch speciell durch continuirliche Einwirkung auf das Gemüth, das wirksamste Mittel zur erfolgreichen und dauernden Heilung des Alkoholismus" darstellt. Das persönliche Beispiel der Enthaltsamkeit, die Erkenntnis des Schuhmachers Bosshardt, die dem Professor für Psychiatrie 1884 einleuchtete, gilt als Wendepunkt in der Geschichte der Volksgesundheit und Sozialhygiene in der Schweiz. Der Riesbächler Methodist und Blaukreuzler Jakob Bosshardt wurde 1888 von August Forel (IOGT) und Eugen Bleuler (IOGT) zum 1. Hausvater der Trinkerheilstätte Ellikon an der Thur (seit 1984 Forel-Klinik) bestimmt. Eine unerhörte, mutige Entscheidung einen Nicht-Mediziner zu wählen!

Alkoholgegnerbund und Mittelschul- und Hochschul-Abstinenzvereine

1890, zwei Jahre vor der Gründung des IOGT, hatte August Forel zusammen mit Alfred Ploetz, Eugen Bleuler u.a. Max Bircher, dem späteren "Erfinder" des Birchermüesli, den Alkoholgegnerbund in Zürich gegründet. Etwa gleichzeitig sind auch die ersten Mittelschul- und Hochschul-Abstinenzvereine entstanden. Die Abstinenzbewegung zeigte sich äusserst reformfreudig und antibürgerlich und hatte viele begeisterte Anhänger unter der Zürcher Jugend: u.a. Fritz Brupbacher, später Arbeiterarzt und bekannt als "Ketzer in Aussersihl", der sich vehement für Geburtenkontrolle einsetzte, und Max Huber, später Präsident des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag und während des Zweiten Weltkrieges Präsident des Internationalen Roten Kreuzes. Auch der Dichter Gerhart Hauptmann (Literatur-Nobelpreis 1912), der einige Jahre in Zürich Medizin studiert hatte, liess in seinem Drama "Vor Sonnenuntergang" Ideen einfliessen, die 1888 in Zürichs Kreisen der Alkoholgegner heiss diskutiert worden waren. In seinen Lebenserinnerungen "Das Abenteuer meiner Jugend" schrieb er: "So glaubten wir an den unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit." Die Jugend hoffte auf vielschichtige soziale Reformen, wobei die Alkoholreform bereits begonnen hatte und erste Früchte zeigte. Man war begeistert von den Erkenntnissen der Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaften und der Medizin, sowie von den Errungenschaften der Technik.

"Wir arbeiten an einem grossen sozialen und moralischen Reformwerk"

schrieb August Forel. "Dieses Werk ist im vollsten Sinne des Wortes demokratisch, denn in unserm Orden sind Männer und Frauen, Bemittelte und Arme, Gelehrte und einfache Arbeiter, alle Brüder und Schwestern, mit gleichen Rechten und Pflichten." und später: "Jede soziale Reform muss moralisch sein, sonst ist sie nicht lebensfähig. Der Guttempler-Orden ist auf der Grundlage der Moral gegründet, nämlich auf der Nächstenliebe und dem Pflichtgefühl." "Ein wichtiger Zweck des Ordens ist die Rettung und Heilung der Trinker. Es ist Pflicht aller seiner Mitglieder, die Trunkenbolde aufzusuchen, selbst die am tiefsten Gesunkenen, in den Orden aufzunehmen und zu versuchen, sie, soweit möglich, zu guten Menschen umzuwandeln, deren Familien wieder aufzubauen, ihnen zu helfen und sie als Brüder aufrecht zu erhalten". Die Medizin hatte die Sozialhygiene entdeckt.

Abstinenz-Thesen des IOGT:

1. Jedes alkoholische Getränk, selbst der Wein, das Bier und der Obstwein, ist ein Gift.


2. Diese Gifte töten über 1/10 unserer mehr als 20 jährigen Schweizermänner, besorgen gut 30% der männlichen Aufnahmen unserer Irrenanstalten, bewirken 75% der Verbrechen gegen die Person, verdummen das Volk und machen es roh, hemmen und verlangsamen die geistige Arbeit, erniedrigen das moralische Niveau und kosten Unsummen Geldes, ohne irgend einen Nutzen zu bringen. In der Tat führt die Schweiz mehr alkoholische Getränke ein, als sie solche ausführt. Das von den Produzenten und Händlern geistiger Getränke verdiente Geld kommt somit aus der Tasche anderer Schweizer, und der ganze Boden, all' die Mühen, die ganze Arbeitskraft, welche auf diese Industrie verwendet werden, dienen bei reinem Verlust nur zur Vergiftung unseres Volkes, das jährlich circa 170 Millionen Franken für alkoholische Getränke ausgibt.


3. Die sogenannten mässigen Trinker kräftigen sich nicht, ernähren sich nicht und gewinnen nichts dabei. Sie verlieren ungefähr 6 Jahre ihres Lebens (dies ist durch englische Lebens-Versicherungs-Gsellschaften bewiesen) und leiden um Hälfte mehr an Krankheiten als die Abstinenten.


4. Ein Dritteil der indischen Armee ist abstinent. Dieses Drittel erleidet gerade zwölfmal weniger Bestrafungen (bei der gleichen Soldatenzahl 73 statt 869) und hat die Hälfte weniger Krankheitstage als jedes der beiden anderen nicht abstinenten Drittel dieser Armee.


8. Die selbst mässige Trinkgewohnheit verlangsamt und hemmt jede geistige Arbeit, vermehrt die Zahl der Irrtümer, macht unser Denken trivialer und oberflächlicher, vermindert die Muskelkraft und die Sicherheit der Bewegung. Der Alkohol verändert sichtbar die Nervenzellen des Gehirns.


9. Die Ursache des Alkoholismus liegt im Gebrauch des Alkohols, denn der allgemeine Gebrauch führt unfehlbar einen grossen Teil des Volkes zum Missbrauch. Die Bestrebungen einfacher Mässigkeit haben daher niemals zu etwas geführt.


10. Somit liegt das einzige Heilmittel allein in der Abschaffung aller gebrannten und gegohrenen Getränke, ebenso des Handels, der ihre Produktion fördert."

Er wirkte einige Jahre als Weltschatzmeister der Guttempler und reiste 1899 zusammen mit Br. Malins, dem Internationalen Präsidenten, auf dem Dampfschiff von Liverpool über den Atlantik nach Montreal und per Zug an den IOGT Weltkongress in Toronto.

Wir wissen, dass kein Mensch als Säufer zur Weit kommt

Wie mitreissend und anschaulich August Forel seine Ansichten vertrat soll ein Auszug, erschienen wenige Tage vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, aus dem "Schweizer Abstinent" Nr. 29, 1914, zeigen. Dort gab er die Antwort auf die Frage: Was will der neutrale Guttemplerorden? "Er will die Menschheit den Krallen eines sozialen Giftmörders entreissen, der eine grossse Zahl unserer Männer zu Memmen und Verbrechern und unsere Frauen zu Dirnen macht, der ferner unsere Rasse zur Entartung und dadurch viele unserer Nachkommen zu Krüppeln immer mehr zu gestalten droht. Die Alkoholfrage ist keine Frage des religiösen Glaubens, - der Alkohol verdirbt das Gehirn eines jeden, welches auch sein Credo sei - sie ist eine sozial hygienische Frage. ... Wir wissen, dass kein Mensch als Säufer zur Weit kommt. Er wird es eben nur durch die Trinksitten und ihre Verführung. Deshalb greift der N.G.O. die Trinksitten selbst an und fordert Alle zur Abstinenz auf. Er packt den Stier bei den Hörnern und will keinen Kompromiss, keine Förderung des Alkoholhandels ... Tretet in unsern neutralen Guttemplerorden ein. Ihr werdet es niemals bereuen. Ihr verliert nichts und gewinnt vieles ... Ich bin selbst seit 27 Jahren abstinent und seit 21 Jahren Guttempler und habe es keine Sekunde meines Lebens bereut, sondern im Gegenteil einzig, dass ich es nicht von Geburt auf gewesen bin. Für die volle Unabhängigkeit und Gleichheit der verschiedenen Glaubensbekenntnisse bürgt unsere Neutralität."

August Forel wurde nie müde auf die Pflicht hinzuweisen, sich vom Alkohol zu enthalten im eigenen Interesse und in dem der Nachkommen. Den Vorwürfen seiner Gegner, ein Fanatiker zu sein, entgegnete er 1905: "Der Kampf gegen den Alkohol war für mich stets eine sehr langweilige, geradezu gegen alle meine persönlichen Forschungstriebe und wissenschaftlichen Interessen sich aufdringende Pflicht. Mein Gewissen hat mir jedoch immer weniger erlaubt, mich derselben zu entziehen. Denn, aus der Pflicht des Arztes ist die Pflicht des Menschen, die soziale Pflicht herausgewachsen."

Schon Gustav von Bunge hatte seit 1886 in seinen Untersuchungen die Alkoholvergiftung des Vaters als Hauptursache der Unfähigkeit zum Stillen der Töchter erkannt, sowie den Einfluss der chronischen Alkoholvergiftung des Vaters auf die Häufigkeit der Tuberkulose und der Nervenleiden bei den Kindern gezeigt.

1903 formulierte August Forel seine Theorie der Keimverderbnis (Blastophthorie), wonach schon geringe Alkoholmengen sich auf die Keimzellen von Mann und Frau auswirken und in der nächsten Generation einen erblichen Schaden von Körper und Seele zur Folge haben.

Quelle: Dr. Rolf Meier, Männedorf